{"id":2039,"date":"2025-08-24T19:18:16","date_gmt":"2025-08-24T17:18:16","guid":{"rendered":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/?p=2039"},"modified":"2025-09-01T09:39:51","modified_gmt":"2025-09-01T07:39:51","slug":"007-eine-verlassene-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/2025\/08\/24\/007-eine-verlassene-welt\/","title":{"rendered":"007: Eine verlassene Welt"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container has-pattern-background has-mask-background nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap\" style=\"max-width:1144px;margin-left: calc(-4% \/ 2 );margin-right: calc(-4% \/ 2 );\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_4 1_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-color:#RRGGBBAA;--awb-bg-color-hover:#RRGGBBAA;--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:25%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:7.68%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:7.68%;--awb-width-medium:25%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:7.68%;--awb-spacing-left-medium:7.68%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\" data-scroll-devices=\"small-visibility,medium-visibility,large-visibility\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-image-element \" style=\"--awb-caption-title-font-family:var(--h2_typography-font-family);--awb-caption-title-font-weight:var(--h2_typography-font-weight);--awb-caption-title-font-style:var(--h2_typography-font-style);--awb-caption-title-size:var(--h2_typography-font-size);--awb-caption-title-transform:var(--h2_typography-text-transform);--awb-caption-title-line-height:var(--h2_typography-line-height);--awb-caption-title-letter-spacing:var(--h2_typography-letter-spacing);\"><span class=\" fusion-imageframe imageframe-none imageframe-1 hover-type-none\"><img decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"600\" title=\"SH_Thumb\" src=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SH_Thumb.webp\" alt class=\"img-responsive wp-image-1991\" srcset=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SH_Thumb-192x300.webp 192w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SH_Thumb-200x313.webp 200w, https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/SH_Thumb.webp 384w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 384px\" \/><\/span><\/div><\/div><\/div><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_3_4 3_4 fusion-flex-column\" style=\"--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:75%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:2.56%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:2.56%;--awb-width-medium:75%;--awb-order-medium:0;--awb-spacing-right-medium:2.56%;--awb-spacing-left-medium:2.56%;--awb-width-small:100%;--awb-order-small:0;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\" style=\"--awb-text-transform:none;\"><p data-p-id=\"0577b9a144f68e4e6b7abf36b7576e44\">Der Rotgewandete hatte es gesp\u00fcrt. Der <em>camat&#8217;ay<\/em> war wieder frei. S\u00e4mtliche unsichtbaren magischen Stolperf\u00e4den, die er im Eta\u00edmalon ausgelegt hatte, waren ausgel\u00f6st worden. Yalomiro Lagoscyre hatte es auf irgendeine abwegige Weise vollbracht, sein steinernes Gef\u00e4ngnis zu sprengen. Gor Lucegath hatte nicht daran gezweifelt, dass ihm das fr\u00fcher oder sp\u00e4ter gelingen w\u00fcrde. In der Seele des Schattens\u00e4ngers hatte er ein \u00dcberma\u00df an Begabung und Beharrsamkeit gefunden.<\/p>\n<p data-p-id=\"9cd5b28440a9ec3cfd3c509d7e81eb19\">Auch dass er kunstreich eingemauert war, hatte Meister Ask\u00fdns Sch\u00fcler schon bemerkt. Der <em>goala&#8217;ay<\/em> drehte die beiden kantigen Kiesel geistesabwesend in seiner Hand. Das war unerwartet schnell gegangen.<\/p>\n<p data-p-id=\"30ec7046739b794533f4036c211d3b35\">Nun, er war nicht sonderlich erstaunt dar\u00fcber. Die <em>camat&#8217;ay <\/em>hatten nicht umsonst so lange Zeit \u00fcberlebt. Ihre Magie, zumindest die der begabteren Schattens\u00e4nger, war auf ihre eigene Art durchaus respektabel, zuweilen so unkonventionell und \u00fcberraschend, dass sie selbst seinesgleichen frappiert hatte. Dass dieser spezielle Schattens\u00e4ger die Barriere zwischen der Weihest\u00e4tte und der Wirklichkeit \u00fcberwinden w\u00fcrde, war allenfalls eine Frage der Zeit. Es konnte nicht lange dauern, und er w\u00fcrde auch bemerken, was sonst noch geschehen war. Und dann, so wusste der Rotgewandete, w\u00fcrde der talentierte Magier so schnell wie m\u00f6glich versuchen, das <em>ay&#8217;cha&#8217;ree<\/em> wieder an sich und in Sicherheit zu bringen.<\/p>\n<p data-p-id=\"0aa678f8117109c7d4f58c9ecd0f3970\">Yalomiro Lagoscyre w\u00fcrde es aus eigenem Willen bergen und zur\u00fcck in den Eta\u00edmalon bringen. Sobald der Schattens\u00e4nger herausfand, wie viel Zeit seit ihrer Begegnung vergangen war, w\u00fcrde er sich in Sicherheit w\u00e4gen. Immerhin waren auch <em>goala&#8217;ay<\/em> nicht unsterblich. F\u00fcr gew\u00f6hnlich. Der <em>camat&#8217;ay<\/em> hatte also allen Grund, anzunehmen, dass sein Gegner das Weltenspiel l\u00e4ngst verlassen hatte. Es sprach nichts dagegen, solange er sich dabei im Hintergrund hielt und auf den richtigen Augenblick wartete.<\/p>\n<p data-p-id=\"b134226ccb21ccb33c38ac1369173325\">Nun, er hatte Zeit. Er w\u00fcrde warten, so wie er seit etlichen Sommern und Wintern wartete. Er w\u00fcrde den t\u00f6richten Kerl verfolgen und den richtigen Moment abpassen. Am Ende w\u00fcrde das <em>ay&#8217;cha&#8217;ree<\/em> in seinen H\u00e4nden liegen und Yalomiro Lagoscyre bitter f\u00fcr das b\u00fc\u00dfen, was seinesgleichen ihm, Gor Lucegath, angetan hatte.<\/p>\n<p data-p-id=\"8f6b5c55d21c7a4c6d58b2670f0b1c1e\">Als der Rotgewandete interessiert in die Leere lauschte, dorthin, wo hinter der Ebene von Wijdlant und den Bergen von Montaz\u00edel Nokt\u00e1mas Weihest\u00e4tte war, sp\u00fcrte er <em>zwei<\/em> Seelen. Die unvollst\u00e4ndige, ihm bekannte des Schattens\u00e4ngers, und eine andere, eine unkundige, eine <em>weibliche<\/em> Seele. Eine Seele von <em>au\u00dferhalb<\/em>.<\/p>\n<p data-p-id=\"580ecab89dc198811284b7a6fcea03bd\">Gor Lucegath horchte alarmiert auf und legte die Steine beiseite. Also war jemand dem <em>camat&#8217;ay<\/em> &#8230; zu Hilfe gekommen.<\/p>\n<p data-p-id=\"1905ad0f07a35b4804336101f7360a84\"><em>Eine Unkundige<\/em>, dachte der Rotgewandete verwirrt.<em> Wo hat er sie gefunden?<\/em><\/p>\n<p data-p-id=\"91b1502538bc513da3f2a1076ccaa297\">Was hatte Nokt\u00e1ma vor? Wollte sie ihn <em>verspotten<\/em>?<\/p>\n<p data-p-id=\"5a3abdf964ae651d2764816d01a713ab\">Die Traumgestalt namens Yalomiro spielte, eine ganz schlichte Folge von Noten: eine Tonleiter. Ich horchte, setzte einen Fu\u00df vor den anderen und versuchte, nicht daran zu denken, dass ich an etwas hinaufstieg, was eigentlich keinen Halt bieten konnte. Er hatte mir geraten, die Augen zu schlie\u00dfen, um nicht nach dem Klang zu suchen.<\/p>\n<p data-p-id=\"eec77d0f354ec0c440953648f58a80de\">Kein Problem. Dies war ein Traum, ein wirres Durcheinander aus Bruchteilen von Ideen und Assoziationen, das in meinem Gehirn ablief, w\u00e4hrend ich auf meiner Schlafcouch lag und trotz Wecker noch einmal eingeschlafen war. In Tr\u00e4umen ist alles m\u00f6glich. Es <em>konnte<\/em> \u00fcberhaupt nichts passieren. Ich musste mich nicht f\u00fcrchten. Alles ganz easy.<\/p>\n<p data-p-id=\"39c70078e707056a80085d3cc5d73ef8\">Er sang, w\u00e4hrend er spielte. Ich sage <em>singen<\/em>, weil seine ruhige Stimme zwar einerseits <em>klang<\/em> wie eine Melodie, zugleich aber etwas ganz anderes zu bewirken schien.<\/p>\n<p data-p-id=\"a655c7b2ce1937d22c8afb4603c04571\">Die Tonleiter f\u00fchlte sich unter meinen F\u00fc\u00dfen verbl\u00fcffend stabil an. Sie federte und gab ein klein wenig nach, etwa so wie eine harte Matratze. Ich musste grinsen. Nat\u00fcrlich. Ich sp\u00fcrte meine Schlafunterlage durch den tiefen Schlaf hindurch. Ich stapfte voran und wurde fand Gefallen daran, dass mir im Traum etwas gl\u00fcckte, was ich bei klarem Verstand nie versucht h\u00e4tte. Ich schaltete im Treppenhaus <em>immer <\/em>das Licht ein.<\/p>\n<p data-p-id=\"5c5f6d63f0fa5eef617cc86a49dc27af\">Dann spielte er wiederholt die gleiche Note. Der folgende Ton klang tiefer. Die Tonleiter f\u00fchrte nun also abw\u00e4rts. Ich setzte den Fu\u00df vor und tastete. Tats\u00e4chlich.<\/p>\n<p data-p-id=\"1b7a0fe027860c8027804b15004a38eb\">Blind und ohne Gel\u00e4nder eine Treppe <em>hinunterzugehen<\/em>, ist sogar in einem chaotischen Traum eine Herausforderung. Etwa anderthalb Oktaven hielt ich es durch, glitt prompt aus und riss erschrocken die Augen auf.<\/p>\n<p data-p-id=\"e38d0a3af1d3d9ff80df5528d9625b31\">Der Boden, zum Gl\u00fcck nicht allzu weit unten, flog mir be\u00e4ngstigend realistisch entgegen. Ich kam mit den F\u00fc\u00dfen voran auf. Ein heftiger Schmerz fuhr mir durch Mark und Bein. Es knackste \u00fcbel, und ich schrie wie irre.<\/p>\n<p data-p-id=\"6fd6575c3e208f13180f11a5205bafde\">Augenblicklich stand Yalomiro neben mir. Er musste gesprungen sein. Unbeeindruckt von meinem Gekreisch legte er seine Geige beiseite, beugte sich hinab und vermied es dabei nach wie vor, mich direkt anzuschauen.<\/p>\n<p data-p-id=\"01cd7e3360eced7cb9b0b0cacb0f04a0\">Was war das? Seit wann konnte man im Traum <em>echte Schmerzen<\/em> sp\u00fcren, noch dazu so heftig? War ich aus dem Bett gefallen?<\/p>\n<p data-p-id=\"6066339bddb43c2a37094d1383d104b2\">Wortlos streckte er seine H\u00e4nde nach meinem Kn\u00f6chel aus.<\/p>\n<p data-p-id=\"0e7d9d7a6f7c1572c835c0a74efc2bb9\">\u201eNein! Finger weg! Das &#8230; es tut weh!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0a86d1883aa4f6e117fffaa4a40b3341\">\u201eDann lass mich den Schmerz doch wegnehmen!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d26c3b5550f0c174301830948e438b55\">\u201eWie bitte?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"43ec0d7d99daa91cc29406e8b4b05ebf\">Seine H\u00e4nde umschlossen meinen Fu\u00df. Augenblicklich breitete sich ein taubes Gef\u00fchl von meinen Zehen bis ins Schienbein hinein aus. Es f\u00fchlte sich an, als wickle sich etwas darum herum. Dabei <em>sang<\/em> er erneut, diesmal eine flache, flie\u00dfende Melodie. Ein irritierendes, aber nicht unangenehmes Kribbeln flutete durch die Taubheit hindurch und lie\u00df einen Moment sp\u00e4ter nach.<\/p>\n<p data-p-id=\"3e8031c00a2ead62c0bfded002ffb33b\">\u201eSteh auf&#8221;, sagte Yalomiro sachlich und erhob sich. Seine Geige packte er nebenbei wieder in die Tasche.<\/p>\n<p data-p-id=\"b7c30b2c4c3a8e19fab0ae4da9f4832e\">\u201eAber &#8230; mein Fu\u00df &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"df4fbe5cfbfb81427aeea53d0b1233d5\">\u201eIst wieder heil. Komm, wir sollten uns hier nicht lange aufhalten!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"22d2702d725f22e9e918581db889cac6\">Misstrauisch rappelte ich mich auf und belastete zaghaft den Kn\u00f6chel. Dann stand ich wieder sicher auf den Beinen. Auch das taube Gef\u00fchl war fort.<\/p>\n<p data-p-id=\"d7b531a9f1dd1c830dc6f826ee0d58c4\">\u201eWie hast du &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2d138ac35fd7ef04dc6f14030dc08f7a\">\u201eDas glaubst du mir doch ohnehin nicht. Komm schon!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"469368087623f4599e0134299cbe4f6b\">\u201eDer Fu\u00df war \u00fcbelst verstaucht!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a60882bca2010e3ca6e958bc2334da19\">\u201eNein, er war gebrochen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"96831c7dd5ea6975a6e963a104cb926c\">\u201eWas?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c9bd6dcb8cd07c7449dedeac5afe9820\">\u201eZerbrochenes zu reparieren ist keine gro\u00dfe Kunst. Das konnte ich schon als Kind.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2d402c5f294b017236d713352cb1f338\">\u201eJa, aber &#8230; Knochen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"060ec7597e2b3d64f08e6936747d7005\">\u201eKnochen, <em>Scherben, Holz<\/em> &#8230; wo ist der Unterschied?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3821a96c4961cc7a9b2ea17dc311786c\">Er lie\u00df mich stehen und schritt ruhig weiter.<\/p>\n<p data-p-id=\"6c3275ae5a35384db3e8af25a6ff6b6f\">Vielleicht hatte ich einfach nur einen n\u00e4chtlichen Wadenkrampf gehabt?<\/p>\n<p data-p-id=\"c4c241cdc7af03fc63bf4d4ea4850fa1\">Ich beeilte mich, ihn einzuholen, w\u00e4hrend er mit weiten Schritten \u00fcber die graue \u00d6dfl\u00e4che zwischen den toten B\u00e4umen ging.<\/p>\n<p data-p-id=\"abafd5d2676934e321ad0e5ed9842693\">\u201eDas war sehr gut&#8221;, sagte er.<\/p>\n<p data-p-id=\"e431389d1d5ca07bc9e416f7c305a85d\">\u201eWas?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2622cd43bdb00062d3c3bfcb29ad3e08\">\u201eNun, du bist mir fast ohne Missgeschick \u00fcber die Mauer gefolgt.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d41ab6e87492e5782b6baf7a25c19610\">\u201eJa, weil du es mir gesagt hast.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"59cf2d4f0d49062fb8278834c8f58ac6\">\u201eTust du immer, was man dir sagt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5f12d4a29c297da23af0b21ac38a60c7\">\u201eNat\u00fcrl&#8230;&#8221; Ich z\u00f6gerte. \u201eMeistens.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"def11605cf6798fd80ec5281a15b248f\">\u201eTrotzdem war es &#8230; respektabel. Du bist mutig.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d7aba6eedd905120e0c219cba1b5ac0f\">Ich blickte verlegen zu Boden. So etwas hatte noch nie jemand von mir behauptet. Das war ein weiterer Beweis daf\u00fcr, dass das alles nicht echt war. Dennoch \u2013 ich musste schleunigst das Thema wechseln.<\/p>\n<p data-p-id=\"8ab84672cd7eecb32834fc2b6c1e2132\">\u201eWohin gehen wir jetzt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1f0409baf5b18dc7d48d9dee42a86eda\">Er wusste n\u00e4mlich offenbar ganz genau, wohin er wollte. Dem gespenstisch verdorrten Wald schenkte er keine weitere Beachtung. \u201eWir suchen die <em>anderen.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p data-p-id=\"191a15cb6fb09732fddd45c3a7820bc4\">Der schwarzgekleidete Mann f\u00fchrte mich durch den Wald aus m\u00fcrben Baumst\u00fcmpfen. Nach einer Weile begann ich mich zu fragen, woher mein sonderbarer Begleiter wusste, wohin er gehen musste, denn die Szenerie ringsum war eint\u00f6nig und trostlos. Alles sah v\u00f6llig gleich aus, egal, in welche Richtung man blickte. Aber er schritt unbeirrt und zielstrebig voran und schwieg dabei. Auch ich entschied mich, nichts zu sagen. Vermutlich wussten wir beide nicht, was wir dem jeweils anderen h\u00e4tten erz\u00e4hlen sollen.<\/p>\n<p data-p-id=\"1f69329820b811b8904e449c1d4a4316\">Hier und da gab es verfallene steinerne H\u00e4user zwischen den B\u00e4umen, die \u00e4hnlich aussahen wie das, in das irgendwie die gro\u00dfe Kuppelhalle hineingepasst hatte. Weit voneinander entfernt standen sie, bei manchen waren D\u00e4cher und Mauern eingest\u00fcrzt. Obwohl nicht zu \u00fcbersehen war, dass die Bewohner diese H\u00fctten schon lange verlassen hatten, ging Yalomiro anfangs in die verwaisten Bauten hinein. Ich folgte ihm nicht, denn die Ruinen waren mir unheimlich. Eine absurde Scheu hielt mich davon ab, sie zu betreten.<\/p>\n<p data-p-id=\"bb2910fd30b637c5242e4d02dc410808\">Er blieb nie mehr als ein paar Augenblicke weg. Nur in einem der H\u00e4user hielt er sich l\u00e4nger auf. Als er wieder herauskam, wirkte er niedergeschlagen.<\/p>\n<p data-p-id=\"5a3269bdf909b26ccdc7a161e25cb062\">\u201eHast du etwas gefunden?&#8221;, fragte ich.<\/p>\n<p data-p-id=\"7094d2359867c08e91c7437a8d217fd3\">\u201eNein. Sie ist &#8230; selbst Meister G\u00edonar ist fort. Keiner hat eine Nachricht f\u00fcr mich hinterlassen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"10e16d09185a4547239f7951395a5395\">\u201eWer hat hier gelebt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9584bfd3f3bafca1e6320a2753ac2942\">\u201eMeinesgleichen. Der Stellvertreter meines Meisters und seine Sch\u00fclerin.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cb58c0388031c6a0cc305feffe7e8e25\">Schweigsam ging er weiter. Ich tappte ihm nach.<\/p>\n<p data-p-id=\"72083acb993a0728f12fa039d6280fc3\">\u201eWarum h\u00e4tten sie hierbleiben sollen?&#8221;, fuhr er pl\u00f6tzlich fort. \u201eEs ist so viel Zeit vergangen, dass der Wald <em>verhungert<\/em> ist. Sie werden bereits vor Ewigkeiten weggegangen sein. Aber ich frage mich, wieso sie den Eta\u00edmalon aufgegeben haben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8c06d4bffdc7ddd0d5de2741b31b28b9\">Ich hielt es f\u00fcr besser, mich zur\u00fcckzuhalten. Ich h\u00e4tte ohnehin nichts Sinnvolles sagen k\u00f6nnen. Immerhin schien mein Schweigen ihn zum Reden zu animieren.<\/p>\n<p data-p-id=\"bf52bf8b34274cceca778961c77cc26e\">\u201eM\u00f6glicherweise gab es einen Kampf&#8221;, setzte er hinzu. \u201eVielleicht hat Ar\u00e1ma\u00fa es doch noch geschafft, die anderen zu warnen. Vielleicht <em>sind<\/em> sie ihm entgegengetreten, Vielleicht haben sie sich gegenseitig vernichtet, kurz nachdem er sein Werk vollendet hatte! Vielleicht wurde dabei der Wald zerst\u00f6rt!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e0836bfd115c1e200105c93d0913435e\">\u201eWer ist Ar\u00e1ma\u00fa?&#8221;, fragte ich, um ihn daran zu erinnern, dass ich noch da war.<\/p>\n<p data-p-id=\"c59d7b1b2563ba0009c51ab69614826c\">\u201eEine Freundin&#8221;, antwortete er fl\u00fcchtig.<\/p>\n<p data-p-id=\"6f6afccebd33cb4822fa86639fa74940\">Oh.<\/p>\n<p data-p-id=\"01f92fb808974ac9fe9bda8e8f1de3ca\">Nun bekam mein Traum <em>unerwartete<\/em> Details. Ich h\u00e4tte ihn bitten k\u00f6nnen, mir mehr zu erz\u00e4hlen. Aber irgendwie erschien mir daf\u00fcr der Moment unpassend.<\/p>\n<p data-p-id=\"94132d8a0380ef4bddceb2385cd54fcb\">Er blieb sinnend stehen. Offenbar war ihm ein neuer Gedanke gekommen.<\/p>\n<p data-p-id=\"a5112fd2525423ac2f432a5be7aa4fd0\">\u201eBei den M\u00e4chten! Vielleicht haben sie sich selbst auf die Suche nach dem Artefakt gemacht. Vielleicht &#8230;&#8221; Er schaute zu den toten Baumwipfeln auf.<\/p>\n<p data-p-id=\"fcc71a53c9632b3b0b6b82389835df9b\">\u201eVielleicht h\u00e4tte es nie fortgebracht werden d\u00fcrfen&#8221;, murmelte er dann.<\/p>\n<p data-p-id=\"82941db13b44d28644e32874c6250a7a\">\u201eWas f\u00fcr ein Artefakt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c376616382add8892e29a1b46436c5d8\">\u201eJe weniger du dar\u00fcber wei\u00dft, desto besser ist es.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"937c2fee7664187cb855ef52eb1ff3bf\">\u201eWas soll das hei\u00dfen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"963abbaf5469cf44839cb1aa7a8e4186\">\u201eEs reicht, wenn ich mich mit dem, was ich wei\u00df, f\u00fcr &#8230; gewisse Personen interessant mache.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0ee6be650987478f1579a1f70877bc69\">Er hielt es offensichtlich nicht f\u00fcr erforderlich, mir etwas zu erkl\u00e4ren. Ich sch\u00fcttelte den Kopf \u00fcber ihn und ging hinter ihm her.<\/p>\n<p data-p-id=\"a1eaaae808d057c542bb3bda9b2cc29c\">Eine Weile sagte er nichts, aber ich sah ihm an, dass er intensiv \u00fcber etwas nachdachte.<\/p>\n<p data-p-id=\"5f1db908021bc97a4d62105d4029119b\">\u201eVielleicht ist er aber auch gar nicht mehr da.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"fc02acbb2a4e1758937ce454f4b3737a\">\u201eWer?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3e03caadf6378a3580d12690a66771b8\">\u201eGor Lucegath. Der <em>goala&#8217;ay<\/em>. Der, wegen dem all das hier geschehen ist.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1d6192a80e829342c9d9c1d982a983d4\">\u201eUnd nun?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"80a91b7411e5916f5d4bf7b447da5b48\">\u201eIch muss die anderen finden und das Artefakt zur\u00fcck in den Wald bringen. Wir verlassen den Boscarg\u00e9n, lassen den See hinter uns und durchqueren die Heide am Fu\u00dfe des Montaz\u00edel. Dann gehe ich weiter \u00fcber das Gebirge, nach Norden. Irgendwo muss meinesgleichen sein. Er kann unm\u00f6glich alle &#8230;&#8221; Er unterbrach sich. Ich sah, wie er die Schultern h\u00e4ngen lie\u00df. Vielleicht wagte er es nicht, einen Gedanken zu vollenden.<\/p>\n<p data-p-id=\"2369c3ffa1355a93e8b572fa1c9bf489\">\u201eWie lange ist man dorthin noch unterwegs?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"57751ab68cf79fd774041a2ca0bb7d9f\">\u201eDas kommt darauf an.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2a37a17e042668b598ef61dc5f3f9b1a\">\u201eWorauf?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9819d2e9660a7aefd174a5c1c5bdcc5f\">\u201eDarauf, wie schnell wir auf Menschen treffen, bei denen du <em>sicher<\/em> bist. Als Allererstes sorge ich daf\u00fcr, dass du an einen gesch\u00fctzten Ort kommst.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"99d6dd1bdf4438fc45b8b0aa659daa4c\">Menschen? Es gab tats\u00e4chlich weitere Menschen in diesem Traum?<\/p>\n<p data-p-id=\"2559377c0534b1720bbe1130eb94ae3b\">\u201eWir werden vermutlich bis hin zu den Bergen niemandem begegnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand im Umkreis des Waldes geblieben ist, nachdem &#8230; das hier geschehen ist. Sicherlich sind sie in die Gebiete s\u00fcdlich des Sees gezogen, oder gleich \u00fcber den Berg. Alles andere ergibt keinen Sinn.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ff234723d8ec6b54539afecb9eb39bd4\">\u201eEs gibt St\u00e4dte hier in der N\u00e4he?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c94007652f3fb859bc487091cc47fed0\">\u201eNein. Nicht in der N\u00e4he. Und nicht in der Richtung, in die wir gehen. Valvivant n\u00f6rdlich der Berge ist das erste <em>teirandon<\/em> auf dem Weg.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0fb96a00b32a4d53382396dfa73c50f3\">\u201eWas ist denn nun wieder ein <em>teirandon<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d1148b825a92d986f2261e6e28eb1720\">\u201eDas Reich eines <em>teirand<\/em>. Eines &#8230; nun, eines Gebieters<em>. <\/em>Ein<em> teirandon <\/em>ist das Land des <em>teirand<\/em> und seiner <em>yarlay<\/em>. &#8220;<\/p>\n<p data-p-id=\"fb5bed969689daaff19ab1db28dedcd2\">\u201e<em>Yarlay<\/em>?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4701ea0b28aaf22532cd88a3e355d3b7\">\u201eWichtige M\u00e4nner, die in die Schlacht ziehen, wenn es ihren Herrn einf\u00e4llt. Wenn sie gerade nicht im Kampf sind, sorgen sie daf\u00fcr, dass ihren Schutzbefohlenen nichts geschieht.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5807b88f94a0b126482089bbe46d6ea3\">\u201eWie ein Ritter?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"eac12e04de88accf5ca7eec667194f16\">\u201eOh!&#8221; Sein Gesicht erhellte sich. \u201eVon Rittern hast du also schon geh\u00f6rt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0f4625eb0642a0afcd4af8f3ab3327a9\">Jetzt ging mir ein Licht auf. Mein Unterbewusstsein produzierte eine Traumwelt, die irgendwo zwischen dem preisgekr\u00f6nten Fantasy-Kinofilm aus den Radionachrichten und meinem Proseminar in europ\u00e4ischer Geschichte lag.<\/p>\n<p data-p-id=\"e4024a9736d79fd0694dc730f315ae75\">Er schien zumindest Fetzen dieser \u00dcberlegungen wieder erraten oder geh\u00f6rt zu haben und seufzte ergeben. \u201eKomm weiter. Wir gelangen bald aus dem Wald heraus.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b854e4e837a7eec6b5fa5bf18e9d3d76\"><em>Bald <\/em>war eine Untertreibung. Der Weg durch die Baumstammein\u00f6de nahm kein Ende. Er blieb in Gedanken versunken. Auch mir ging einiges im Kopf herum, w\u00e4hrend ich geduldig darauf wartete, aufzuwachen.<\/p>\n<p data-p-id=\"4c3c277c2ff0b70a236dd1d936c43f86\">\u201eWenn das hier eine andere Welt ist&#8221;, fragte ich einmal und kam mir unglaublich clever dabei vor, \u201ewie kommt es dann, dass ich dich verstehen kann? Ich meine, es w\u00e4re doch absurd, wenn du zuf\u00e4llig dieselbe Sprache sprechen w\u00fcrdest wie ich.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"92e6c7683efd4a3cf445d44b33a4fffc\">\u201eVielleicht sprichst du meine Sprache?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1c93a04ac2782d00ee5088f4ba07ee27\">\u201eGanz bestimmt nicht.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1fb6b48265487554c0af7a4191f69765\">\u201eWieso sollte Nokt\u00e1ma jemanden herf\u00fchren, mit dem ich mich nicht verst\u00e4ndigen kann?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3d873155aff7cb9f6fb2a222e1df423c\">\u201eAber &#8230; das &#8230; na ja &#8230;&#8221; Ich gr\u00fcbelte einen Augenblick nach und lie\u00df den Gedanken entnervt wieder fallen. Meine Logik f\u00fchrte zu nichts. Vermutlich war auch hier ein fauler Zauber im Spiel, der bewirkte, dass ich \u2013 abgesehen von einzelnen fremdartigen Worten \u2013 begriff, was er sagte.<\/p>\n<p data-p-id=\"626e89b4d691024e9c3ea5a6d96c30ef\">\u201eWenn du nicht magiebegabt bist&#8221;, fragte er nach einer Weile, \u201ewas ist deine Aufgabe in deinem Weltenspiel?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"aa740b0c72243d42b56ed2b918f54e0d\">\u201eWie bitte?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"7e6fdf9891d96ef7bf47e5aeb38d09e1\">\u201eErz\u00e4hl mir von dir. Nur so viel, wie ich wissen muss. Ich will verstehen &#8230; nun, ich will wissen, wer du bist.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cd65db74a4e013bdde5d3fc3b7eb9228\">Diese Bitte \u00fcberraschte mich, und zugleich f\u00fchlte ich mich \u00fcberfordert. Was erwartete er, zu h\u00f6ren? Und was w\u00fcrde er \u00fcberhaupt von dem verstehen, von dem, was bis vor ein paar Stunden mein Leben gewesen war? F\u00fcr die meisten Dinge, die f\u00fcr mich Alltag waren, w\u00fcrde er sicher nicht einmal die W\u00f6rter kennen.<\/p>\n<p data-p-id=\"77573ab7bcdb7905d705f423aef16822\">Ich assoziierte unwillk\u00fcrlich unz\u00e4hlige Beispiele aus B\u00fcchern oder Filmen, in denen es Zeitreisende oder Figuren aus Fantasiewelten in meine reale Gegenwart versetzt hatte \u2013 und umgekehrt. In der Regel bot das Stoff f\u00fcr Slapstick und Konflikte.<\/p>\n<p data-p-id=\"724986edc0af0cde93227bf83b11bc4c\">Du meine G\u00fcte, was f\u00fcr eine Ironie! Ich hatte einen Klartraum, in dem genau das soeben zum Thema wurde. Das war vollkommen absurd!<\/p>\n<p data-p-id=\"7f046d39b5de9d3691d3466f26fd947d\">\u201eIch f\u00fcrchte, das kann ich nicht&#8221;, versuchte ich mich herauszureden. \u201eIch denke, all das w\u00fcrde dich verwirren.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"69099ea528b03178a3cdc59f8cb30bd0\">\u201eTats\u00e4chlich?&#8221; Er ging weiter, ohne sich zu mir umzudrehen, aber sein Schweigen war so erwartungsvoll, dass ich weiterreden musste.<\/p>\n<p data-p-id=\"f2f0f790071bd91fe7e5272768f1f927\">\u201eIch &#8230; na ja, ich wohne in einer gro\u00dfen Stadt. Und da gehe ich auf eine &#8230; Schule. Ich lerne viel, damit ich bald einen Beruf anfangen kann und Geld verdiene.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"09f72e547ff7e8e40478f4900ae05e63\">\u201eWas f\u00fcr ein Beruf?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"1accd964a9377d07126f284456294c05\">\u201eIch &#8230;&#8221; Wie konnte ich <em>irgendwas in einer Beh\u00f6rde<\/em> verst\u00e4ndlich in seinen Begrifflichkeiten formulieren?<\/p>\n<p data-p-id=\"0fbc277a259ac81e882cf4b272cb2152\">\u201eSchriftst\u00fccke aufsetzen. Wichtige Briefe schreiben. Dokumente sortieren.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8f48f535b1ea8b5ffcdfe861d95b1d41\">\u201eAh. Du willst eine <em>maedlora<\/em> [Beamtin] sein?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a3e4c1f90d5ea110bbda9009f8f7ae3e\">\u201eNun &#8230; m\u00f6glicherweise&#8221;, sagte ich vage und war milde erstaunt, dass er sich \u00fcber meine kruden Vorstellungen nicht wunderte.<\/p>\n<p data-p-id=\"077f8779d4c31dc7748c49d4cc6b8cd1\">\u201eIst es dein Wunsch oder der deiner Familie?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9b149e6918f17aec9bee6999de275119\">\u201eMeiner.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4004695936bb1e922fd0bde53cdf14ee\">Das sagte ich wohl so finster, dass es ihm auffiel. Er warf mir einen fl\u00fcchtigen Blick zu und sagte von da an kein Wort mehr.<\/p>\n<p data-p-id=\"0cf6efc1f3b2fffabfa2bdfce331471f\">Ich folgte ihm in einigem Abstand durch die trostlosen Reste des Waldes und versank in meine \u00fcblichen, bitteren Gedanken. \u00dcberraschenderweise lenkte mich das Gegr\u00fcbel gut von meiner absurden Lage ab. Familie &#8230; nun, dass ich einmal so weit weg sein w\u00fcrde, h\u00e4tten sie wohl nie gedacht.<\/p>\n<p data-p-id=\"5a8c27bacc45e4942ad26311959bc722\">Stunden schweigsamen Marsches sp\u00e4ter lichteten sich endlich die Reste des Waldes. Wie viel Zeit vergangen war, konnte ich nicht sagen \u2013 meine Armbanduhr war daheim auf dem Tisch neben dem Computer. H\u00fcgeliges Gel\u00e4nde lag nun vor uns und senkte sich talw\u00e4rts. Weiter entfernt schien sogar so etwas wie Pflanzen zu geben, staubig-gr\u00fcnes Buschwerk. Hier und da tauchten j\u00e4mmerlich aussehende, aber immerhin noch d\u00fcrres Laub tragende B\u00e4ume am Wegesrand auf. Nahebei zum Beispiel stand einer, der ein paar verschrumpelte, apfelsinenartige Fr\u00fcchte trug.<\/p>\n<p data-p-id=\"338d53313737f284fe3e644a85f10909\">\u201eDas ist eine Aranzie.&#8221; Yalomiro legte die H\u00e4nde um den Stamm und senkte den Blick. Es sah aus, als lausche er auf etwas, das nur er h\u00f6ren konnte.<\/p>\n<p data-p-id=\"1d533e34c1dd4726e4a0c8a6467b0a02\">Ich schaute mich derweil um. In der Ferne ragte auf eine beklemmende Weise ein schiefergraues Felsmassiv auf, Tafelberge, die sich senkrecht in die H\u00f6he streckten, ohne dass es ein Vorgebirge oder so etwas gegeben h\u00e4tte. Es sah aus wie eine surreale Wand am Horizont, die Proportionen zwischen dem \u00fcbergro\u00dfen Berg und der Umgebung stimmten nicht \u00fcberein. Der Kamm des Gebirges glich einem asymmetrischen S\u00e4geblatt, das im Licht einer irgendwo dahinter untergehenden Sonne zu gl\u00fchen schien. Ein seltsames Zwielicht lag \u00fcber der Landschaft.<\/p>\n<p data-p-id=\"7d99834104d2c69d909830df7014ad05\">\u201eIst das dort der Berg, den du vorhin erw\u00e4hnt hast?&#8221;, fragte ich.<\/p>\n<p data-p-id=\"55838bf72f5e669c4d6db73a6354d090\">Er lie\u00df den Baum los und kam heran. \u201eDer Montaz\u00edel, ja. Davor liegt die Heide von Hethrom. Eine einsame Gegend, aber mir hat es hier immer gefallen, wenn ich herkam. Es gibt viele heilkr\u00e4ftige Pflanzen hier.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"a9737fdd30cf24717efae5ca0907dbed\">\u201eWarum ist es so unbewohnt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9448d0e735f70bb65e6d30bc7810c658\">\u201eDer Landstrich direkt am Fu\u00df des Gebirges taugt nicht als Ackerland, deswegen haben sich keine Unkundigen hier angesiedelt. Der Boden ist zwar fruchtbar, aber der Berg wirft an dieser Stelle am sp\u00e4ten Tag einen k\u00fchlen Schatten, der zu wenig Licht f\u00fcr Getreide l\u00e4sst. Im Sommer treiben unz\u00e4hlige Hirten ihre Herden hindurch, aber zurzeit d\u00fcrfte der Landstrich menschenleer sein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9e5f443c6d44adf93356167d665d4f21\">Yalomiro wollte weiter marschieren. Doch ich entdeckte zu meiner Linken in der Ferne etwas, das meine Aufmerksamkeit erregte. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, Einzelheiten zu erkennen. Was sich dort an den Hang schmiegte, wirkte aus der weiten Entfernung wie eine Siedlung mit flach gedeckten H\u00e4usern, von denen keines die anderen nennenswert \u00fcberragte. Unterhalb des Hanges waren ein paar baumfreie, offenbar symmetrisch angeordnete Fl\u00e4chen, Felder vielleicht. Und noch etwas konnte ich in der aufziehenden Dunkelheit ausmachen: Dort gab es Licht, wie von hohen lodernden Feuern.<\/p>\n<p data-p-id=\"322d8bd1be6c4b11934435567b90e09c\">\u201eAber das da ist eine Siedlung?&#8221;, fragte ich aufgeregt. \u201eDie Geb\u00e4ude dort weit hinten, auf dem H\u00fcgel?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"063b0f1ff1b201279498b7d50be370c5\">Yalomiro blieb stehen und folgte meinem Blick.<\/p>\n<p data-p-id=\"971c9e534fc845cdef23fb4f28a9afac\">\u201eJa&#8221;, sagte er, und ich hatte den Eindruck, dass ihm gar nicht gefiel, was ich entdeckt hatte. \u201eDas ist das n\u00f6rdlichste Dorf. Die Unkundigen sind also doch noch da. Beharrlich. Das ist erstaunlich. Nun ja, wahrscheinlich wollen sie die Erzgruben einfach nicht aufgeben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"191e83d601138edebcd8019130750967\">\u201eErzgruben?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"19f1aa0edfa778cb5781bfda3fa8b7cd\">\u201eUnterirdisch, in den Wurzeln des Berges, gibt es reichlich Metall.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4fe1efda477b156329126a61893a05c7\">Das lockende Dorf war zu weit weg, um viele Einzelheiten zu erkennen. Wenn es eine Bergbausiedlung war, kamen die Feuer vielleicht von Schmelz\u00f6fen oder dergleichen. Auf jeden Fall waren da <em>Leute<\/em>.<\/p>\n<p data-p-id=\"ebda69e5794449addc46fd6d0917d951\">\u201eWir werden <em>nicht<\/em> dorthin gehen&#8221;, sagte Yalomiro. \u201eNicht in <em>dieses<\/em> Dorf.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"15a088a59ebc21e3537b3fafc0e44c40\">Ich schaute \u00fcberrascht zu ihm hin. \u201eAber &#8230; da sind doch Menschen. Und du hast gesagt &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"65bcf874d7fe672eb765a895bf69ded6\">Er gab einen abf\u00e4lligen Laut von sich. \u201eDie hier sehen meinesgleichen nicht gern. Zumindest nicht, solange sie nicht nach uns rufen, weil sie uns f\u00fcr irgendeine Gef\u00e4lligkeit brauchen &#8230;&#8221; Er schnaubte und murmelte: \u201eUnd solange sie denken, dass unseresgleichen sie <em>davor<\/em> h\u00e4tte besch\u00fctzen k\u00f6nnen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ef925bb89e3aaee02345c599d2614cd9\">Er verstummte und warf eine anklagende Geste um sich. Ich war verwirrt.<\/p>\n<p data-p-id=\"1827e5ea37a88329cd31f413c40e26ff\">\u201eHat das hier auch dieser andere Magier gemacht?&#8221;, fragte ich.<\/p>\n<p data-p-id=\"59d8a9814fc647cfc7381db91b577f9b\">\u201eNein. Daf\u00fcr musste er keine M\u00fche mehr aufwenden. Das hier ist das Siechtum der B\u00e4ume aus Boscarg\u00e9n, die sich ausbreitet, nachdem meinesgleichen den Wald verlassen hat. Hier gibt es zwar noch Menschen, aber ihre B\u00e4ume und Felder werden nicht mehr lange durchhalten. Dann ist das hier auch vorbei.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"883789b2a8a1620fe9b7957d6915a726\">\u201eDie B\u00e4ume aus dem Wald haben die hier <em>angesteckt<\/em>? Wie eine Pflanzenkrankheit?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"095f47fd40bfef51826070871d72850d\">\u201eJa. Es sind die Wurzeln. Die Wurzeln aus dem Wald haben nicht mehr die Kraft, die anderen zu ber\u00fchren.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e82bd9dd2b1ea3b0a0651ab129a731d4\">\u201eIch verstehe nicht &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"5628703b2abeac9f75dba704d9501ad2\">\u201eJede kleine Wurzel, ganz gleich, ob m\u00e4chtiger Baum oder kleiner Grashalm, hat Wurzeln. Alle Wurzeln sind mit denen anderer Pflanzen verbunden. Ein riesiges Netz. Der Wald ist das <em>Herz<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f9062ce51382b9a27c77575d8e2621c8\">Ich nickte verst\u00e4ndnislos. Mit dem, was ich \u00fcber Biologie und Botanik wusste, hatte das alles nichts zu tun. \u201eAha &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8d2417535fa3cf278e24233f896b3dd8\">\u201eDie Bewohner dieses Dorfes werden uns nicht freundlich willkommen hei\u00dfen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"05b83cffee2cabde5f13e7ed3ad0b6bb\">\u201eAber &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3e29e5394635eb7d663793a1c08c26fe\">\u201eAls ich das letzte Mal dort zu tun hatte, hat mir jemand eine Handvoll Mist nachgeworfen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"4dabd620092becc219cbcc22ab1d52de\">\u201eOh. Hatte derjenige einen &#8230; Grund daf\u00fcr?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2a14740eb2c3e42febf9706c31157f69\">\u201eEr war zumindest davon \u00fcberzeugt, einen zu haben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"55872d0a1f97f43eba0f61243e47dfb1\">Ich konnte es mir nicht verkneifen. \u201eUnd was hast du gemacht? Ihn in einen Frosch verwandelt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b728969d1693336d91cf029e78b961f1\">Selbst unter dem Schatten seines Hutes konnte ich seine verwirrte Miene erahnen. \u201eNein. Wieso? W\u00fcrde ein Magier in deiner Welt das machen?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ad78c9f7724cffef770ad9f181fe4c40\">\u201eIn manchen Storys schon.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"738c353891dc583872618af772334b98\">Nun hatte ich sein Interesse. \u201eAber wie soll das funktionieren \u2013 die Gestalt eines <em>anderen<\/em> zu ver\u00e4ndern?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"d384bc44532cdd1d9e0154315d1ac1b4\">\u201eEs funktioniert ja eben nicht! Es &#8230; es gibt keine Magie!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f1ea72d81dc31906c21ad1f7913fa822\">Er setzte zu einer Erwiderung an. Dann besann er sich eines Besseren.<\/p>\n<p data-p-id=\"504634cac85d509f8501822758581432\">\u201eEs steht nicht zur Debatte. Glaub mir, selbst wenn du allein gingest, w\u00e4ren sie nicht begeistert, dass jemand in ihrem Dorf erscheint, den sie f\u00fcr, mit Verlaub, irrsinnig halten m\u00fcssen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"479e1f4f5898d0bd481beb1d3f5903c5\">\u201eIch bin nicht irre!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"da8a15cf7f1a1d385dfd9b9068a1277e\">\u201eIch wei\u00df. Du tr\u00e4umst. Und ich will nicht, dass du im unpassenden Moment erkennst, dass du nicht aufwachen kannst, wenn es gef\u00e4hrlich wird.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"384970840e83b2fcdee49fce261dba47\">\u201eAber &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"9c78fb7a794a19621a33f140114e8c4e\">\u201eUjora &#8230; hast du jemals und ohne \u00dcberlegung etwas verletzt?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"533fa0ce174b788e52e3ec2a6a67b8db\">\u201eWie meinst du das?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ab2211f17dd2ef749627bd4fa12175c4\">\u201eDenk nach.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"05e1f07023efc109f130b8bff326bc2d\">Ich z\u00f6gerte. Dann fiel mir die gro\u00dfe Spinne ein, die ich erst vorgestern in Notwehr mit einem Schnellhefter platt geschlagen hatte. Ich hatte mich erschreckt, als das Tier pl\u00f6tzlich quer \u00fcber den Schreibtisch krabbelte. Ich err\u00f6tete und wischte den Gedanken beiseite, bevor mir noch mehr Beispiele einfallen konnten.<\/p>\n<p data-p-id=\"cdc4764c958bcef392637c7bfcba82a4\">\u201eVerstehst du?&#8221;, fragte er. \u201eSo sind <em>Menschen<\/em>.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"667de140e936c33af63eaf2672a858d2\">\u201eJa. Sicher.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ce2955de92b5c6384b1a295612e521a9\">\u201eDann komm.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b68f182567fd17d1bbe0c7787a2a0edd\">Nach einiger Zeit waren die H\u00e4user nicht mehr zu erkennen und die fernen Feuer meinen Blicken entschwunden.<\/p>\n<p data-p-id=\"33378f5f087b0c05ede014a9e7806908\">\u201eSag, Ujora&#8221;, nahm er nach einer Weile das Gespr\u00e4ch wieder auf, \u201ein deiner Welt gibt es also keine Magie?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b2f75e16ee18da73e8ee544b6c75ddd1\">\u201eNein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"2ec22999eac9d2025f95cf181a00142c\">\u201eWoher wei\u00dft du dann, was Magie ist?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"10ec221a174445dffa33c76589a2d5ef\">\u201eWeil &#8230;&#8221; Ich stutzte.<\/p>\n<p data-p-id=\"09098a12210daf8563cfa14413213dc9\">\u201eOder lass es mich anders fragen. Was denkst du, was es ist?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"adbfad2f0dfdfa580b3cf9fbf36f3a2b\">\u201eDas kommt darauf an. Bestenfalls beeindruckende Fingerfertigkeit, um Leute zum Staunen zu bringen. Oder vors\u00e4tzlicher Betrug, um naive Menschen zu t\u00e4uschen. Mit viel Nebel und Lichteffekten. Oder eben &#8230; M\u00e4rchen.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b3c407b05ba955a638b5c833099c03d2\">\u201eHast du den Eindruck, dass ich dich betr\u00fcgen oder unterhalten will?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"92b4b347190fb894a41d0f4962dcf06d\">\u201eIch &#8230; nein! So habe ich das nicht gemeint!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3a7fb0c98077a7bc4bbe122849b0c63f\">\u201eK\u00f6nnte ich f\u00fcr dich dann nicht besser ein M\u00e4rchen sein anstelle eines Traumgespenstes?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"b47327bfccb13c37e518b6f527737c77\">\u201eM\u00e4rchen sind f\u00fcr kleine Kinder&#8221;, sagte ich, ohne dar\u00fcber nachzudenken.<\/p>\n<p data-p-id=\"e2352aa592f1687cd7b0296f64ce01ad\">\u201eSchade.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"c955d9b9ce89db3868172332b62c6141\">Wie meinte er das? Sein Blick lag im Schatten, ich konnte nicht sagen, ob er sich am\u00fcsierte oder nicht.<\/p>\n<p data-p-id=\"7ea155230a6a9986f5a7d735555517e7\">Zumindest dachte ich eine Weile dar\u00fcber nach, ob es mir gefallen w\u00fcrde, wenn all das hier ein M\u00e4rchen w\u00e4re. M\u00e4rchen gingen immer gut aus.<\/p>\n<p data-p-id=\"ea523c177ec102ea7b45a281baed3c45\">Vielleicht hatte ich doch nicht auf meiner gem\u00fctlichen Couch verschlafen. M\u00f6glicherweise war ich im Keller aus heiterem Himmel ins Koma gefallen. Eventuell war mir eine Konserve aus dem Regal auf den Kopf geknallt. Gegebenenfalls war das hier eine seltsame Zwischenwelt in meinem Unterbewusstsein. Sicher gaben sich &#8211; irgendwo anders &#8211; bereits \u00c4rzte alle M\u00fche, mich wieder aufzuwecken.<\/p>\n<p data-p-id=\"fd6c405f4909b9c51436c9ce5e18d8fa\">Es wurde immer dunkler, je mehr wir uns dem Berg n\u00e4herten. Mein Gang wurde unsicher. Er schien es zu bemerken und verlangsamte sein Schritttempo.<\/p>\n<p data-p-id=\"d876459d67d7fea8a44b9031bfca9b09\">Wir hatten den Rand der Tiefebene erreicht, in der br\u00e4unlichgraues Heidekraut wuchs. \u00dcber dem fernen Tafelgebirge \u00f6ffnete sich nun eine gro\u00dfe L\u00fccke in der Wolkendecke. Eine honigfahle Mondsichel stand am dunkelblauen Himmel \u00fcber dem zentralen Gipfel und spendete etwas Licht. Yalomiro blickte empor.<\/p>\n<p data-p-id=\"c63b024ba12c88ace4e2ad65e500d32f\">\u201eAls ich ein Kind war&#8221;, erz\u00e4hlte er, \u201edachte ich, dass man, auf der Bergspitze stehend, den Mond mit der Hand ber\u00fchren kann. Ich war ziemlich entt\u00e4uscht, als ich einsah, dass das nicht stimmte.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"cfcad64e823b04b98de6b7341eaae237\">Ich konnte nicht mehr laufen und lie\u00df mich ersch\u00f6pft auf dem kahlen Erdboden nieder. Meine F\u00fc\u00dfe pochten schmerzhaft, obwohl ich bequeme Turnschuhe trug. Ich erwog kurz, ob ich die ausziehen sollte, war mir aber sicher, dass ich nie im Leben wieder w\u00fcrde hineinschl\u00fcpfen k\u00f6nnen, wenn ich das tat.<\/p>\n<p data-p-id=\"c7a1d90aaa25fd3c538f6262c000ec5f\">Mir fehlte die Kondition f\u00fcr Gewaltm\u00e4rsche wie den, den ich hinter mir hatte, und ausreichend gekleidet war ich auch nicht, denn es war zwischenzeitlich empfindlich kalt geworden. Anders als zuvor im Wald gab es hier n\u00e4mlich bewegte Luft und Wind. Das war beruhigend, aber ungem\u00fctlich.<\/p>\n<p data-p-id=\"3603049e37feebafa395533b2efd9777\">\u201eIch bin m\u00fcde&#8221;, sagte ich. \u201eBrauchst du nicht auch langsam eine Pause?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ed4e37406129e0a88ca43ea26b8d231f\">\u201eNein, im Gegenteil. Ich f\u00fchle mich mit jedem Schritt lebendiger. Herumgesessen habe ich lange genug.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8698e45eab203f8d88480fdca26baa4a\">\u201eAber ich kann nicht mehr. Ich sehe kaum noch etwas. Au\u00dferdem habe ich Durst.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"792ef8174e646b65cf7caddfddad56c7\">\u201eOh. Ich verstehe.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"8c702a03088a565b5fd8b531aff3388e\">\u201eDu hast nicht zuf\u00e4llig etwas zu trinken in deiner Tasche?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"69f111420a8037317e4cdef590001b19\">\u201eNein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"84c6bfbbf8037ca993d021cecef33eb3\">\u201eDu hast gar keinen Proviant bei dir?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"54b63c9ce3976ab3391b2a732102b937\">\u201eWozu? Aber es ist tats\u00e4chlich unverzeihlich, dass ich nicht daran gedacht habe, dass Menschen &#8230; <em>k\u00f6rperliche Bed\u00fcrfnisse<\/em> haben.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f333070502b1ba785e51c53043373efd\">\u201eHast du etwa keine?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ef2254f9fee864f7abe77973717adcb5\">\u201eNein.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"faf6646516d39498f1a0167ce31655db\">Ich seufzte. Das letzte, was ich getrunken hatte, war der Kaffee am Morgen gewesen. An einem hei\u00dfen Sonnentag w\u00e4re ich vermutlich l\u00e4ngst dehydriert.<\/p>\n<p data-p-id=\"c83072b1b6101fb4b2015fc5b0ea1e49\">\u201eKannst du nicht &#8230; irgendwas &#8230; <em>zaubern<\/em>?&#8221;, fragte ich und kam mir unsagbar bl\u00f6d dabei vor.<\/p>\n<p data-p-id=\"e59252deb35deddf6a0ac6d3769143e3\">\u201eSoll ich?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"e59929e27e04d9adb553f8ed5740c1b5\">\u201eJa, bitte&#8221;, bat ich, ohne nachzudenken. \u201eIch bin ganz ausgetrocknet.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"560b349f2ecf5b974ee2583d19ffee79\">Er \u00f6ffnete wortlos seine Tasche, deren Innenleben erstaunlich ger\u00e4umig zu sein schien und kramte darin herum. Ich beobachtete, wie er ein Sch\u00e4lchen aus Holz und ein Tuch herausholte und damit ein paar Schritte suchend hin und her ging. Dann schien er gefunden zu haben, was er brauchte. Er breitete den Lappen zwischen den Krautb\u00fcscheln auf dem Boden aus, legte die H\u00e4nde dar\u00fcber und sang leise. Ich bildete mir ein, einen fahlen Schimmer wahrzunehmen.<\/p>\n<p data-p-id=\"4466ae6da61a91eec0e11c6704e305f3\">Als Yalomiro sein Lied beendete, war das Tuch feucht. Er wrang es in dem Sch\u00e4lchen aus und wiederholte das Ganze mehrfach. Als er es mir brachte, war es randvoll. Die Pflanzen rund um die Stelle knirschten unter seinen Schritten wie trockenes Papier.<\/p>\n<p data-p-id=\"220a3b846d8c6016ccadfdf79faa1970\">\u201eEtwas anderes kann ich dir im Augenblick nicht bieten. Leider auch nicht mehr davon.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"df0a493d8c79152fc8ec87f2e413303b\">\u201eWas ist das?&#8221;, fragte ich argw\u00f6hnisch.<\/p>\n<p data-p-id=\"0ac5940a613b3c6de751b7609871d7ef\">\u201eWasser.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"994e71e47b0a5f36be7b2d7c18282a86\">\u201eWo hast du das her?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3badab04ef6af0d6a015a6f64891ad39\">\u201eIch habe es den Pflanzen fortgenommen. Es ist rein, du kannst es ohne Bedenken trinken.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ed91dd6599010b118be4b20b5b9d5324\">\u201eWie &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0ec1b2b1f18a836ce43608ece1c5b2a9\">\u201eAr\u00e1ma\u00fa h\u00e4tte das besser gemacht. <em>Camat&#8217;ayra<\/em> haben viel mehr Macht \u00fcber das Wasser als M\u00e4nner. Ar\u00e1ma\u00fa h\u00e4tte hier einen <em>Brunnen<\/em> gefunden. Einmal, da hat sie &#8230;&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6c49ca64bb63c36f578b9bf8638ba508\">Er unterbrach sich und schaute abwesend ins Leere.<\/p>\n<p data-p-id=\"f7a181ccf0bc641d3d3147c75df940b8\">Wer mochte diese Ar\u00e1ma\u00fa sein? Ich linste verstohlen zu ihm hin\u00fcber. Ar\u00e1ma\u00fa \u2013 vielleicht geh\u00f6rte sie zu ihm. Vielleicht war sie nicht nur <em>irgendeine<\/em> Freundin. Sicher war sie <em>die<\/em> Freundin. Die eine Freundin. Seine Geliebte, seine Partnerin?<\/p>\n<p data-p-id=\"1dcf31465af5a49de9885c26d9a4840b\">Wahrscheinlich war es so. Ein so attraktiver Mann konnte unm\u00f6glich alleinstehend sein. Nicht einmal im Traum.<\/p>\n<p data-p-id=\"4f30567664975b84878abeb3087fc60c\">Diese Erkenntnis l\u00f6ste in mir eine Art von Ern\u00fcchterung aus, wie ich sie <em>nie wieder<\/em> hatte sp\u00fcren wollen. Dann fiel mir ein, dass er meine Gedanken h\u00f6ren konnte. Ich versuchte hastig, etwas anderes zu denken und nippte an dem Sch\u00e4lchen. Das Wasser schmeckte torfig, mit einer bitteren Note, aber es war dringend ben\u00f6tigte Fl\u00fcssigkeit. Ich musste mich zwingen, es nicht auf einen Zug auszutrinken. W\u00e4hrend ich Schluck um Schluck zu mir nahm, begann sich eine wohlige Schwere in mir auszubreiten.<\/p>\n<p data-p-id=\"e8ceb3e405bc27d6fdb16b8caeb82855\">Er beobachtete mich gespannt und schien auf etwas zu warten. Ich schaute zu ihm hin\u00fcber. Im Mondlicht sah ich gerade genug, um zu registrieren, dass er zufrieden l\u00e4chelte.<\/p>\n<p data-p-id=\"143c4f96cc8fe9f075e87bba570d7ace\">\u201eWas waren das f\u00fcr Pflanzen?&#8221;, fragte ich misstrauisch.<\/p>\n<p data-p-id=\"936651644a65a3a36ccfd1682f9b5fa6\">\u201eBlaues Nachtwindenkraut. Genau das, was dir jetzt guttut.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6e596d5954bdbbc9aea4bf0bbc31d748\">\u201eIch werde &#8230; so m\u00fcde.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"ba3e1a7ce0f929645a0028f1d4d9bf8f\">\u201eSehr gut.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"f5e9782737117d8a0abd8c0104ad3ade\">\u201eHast du etwa &#8230; ist das ein Schlafmittel?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3978c7a43237fee129ca8c5dbf4afcb7\">Er nahm mir das Sch\u00e4lchen aus der Hand. \u201eJa. Du musst unbedingt zur Ruhe kommen, bevor du ganz au\u00dfer dir ger\u00e4tst. Keine Angst. Ich bin in der N\u00e4he und wache \u00fcber deinen &#8230; Traum.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"3f35d0bb3a2add0903c576ddf0f46172\">\u201eDu kannst mir doch nicht &#8230; ohne etwas &#8230; spinnst du?&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"6d7be3914251e9e6078388810ac7cadd\">\u201eNein. Ich wei\u00df genau, was ich tue.&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"0038243034be20e0273a5979692ec69e\">\u201eIch hab dir <em>vertraut<\/em>!&#8221;<\/p>\n<p data-p-id=\"fb0b64bc6906a7179af127c46184ced2\">\u201eIch wei\u00df&#8221;, sagte er milde.<\/p>\n<p data-p-id=\"4ed727b50a221a6bc496c54991fa1ba0\">Ich wollte protestieren, aber meine Zunge wurde schwer und meine Augen fielen zu. Doch ich h\u00f6rte ihn noch sprechen.<\/p>\n<p data-p-id=\"bc5daa28c88df0bae8814504af83be45\">\u201eBald kommen wir z\u00fcgiger voran. Dann kann ich wieder <em>richtig<\/em> zaubern.&#8221; Er erhob sich und ging beiseite.<\/p>\n<p data-p-id=\"a4447a274af00b3019ae01717d423a91\">Ich wollte aufbegehren, aber die M\u00fcdigkeit war st\u00e4rker, setzte mit Wucht ein, wie eine Narkose. Ich konnte ihm nicht einmal nachschauen. Absurd angenehme Entspannung \u00fcbermannte mich wie eine Woge aus Wohlbefinden und sp\u00fclte die Emp\u00f6rung fort. Ich rollte mich am Boden zusammen und schloss die Augen.<\/p>\n<p data-p-id=\"377cc118bdc477d49737d24566481a7e\">Mit etwas Gl\u00fcck w\u00fcrde ich in meiner eigenen Wirklichkeit wieder aufwachen.<\/p>\n<\/div><div ><a class=\"fusion-button button-flat fusion-button-default-size button-default fusion-button-default button-1 fusion-button-default-span fusion-button-default-type\" target=\"_self\" href=\"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/schattenherz-oder-die-ergaenzte-seele-band-1\/\"><span class=\"fusion-button-text awb-button__text awb-button__text--default\">Zur\u00fcck zum Buch<\/span><\/a><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-2039","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-01_schattenherz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2039","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2039"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2039\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3844,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2039\/revisions\/3844"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2039"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2039"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sandra-bloh.de\/lamaga\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2039"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}